geschrieben im April 1998 – heute, am 4. März 2026 öffentlich gemacht (vom privat gespeichert sein erlöst):
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- Und jetzt?
- Und jetzt!
- Jetzt geht es weiter. Weiter, nachdem mein Buch (Entführungen durch eine dunkle Macht) mich verliess. Der Verlag hat die Rechte gekauft und es geschluckt. Und schon möchte ich es vergessen. Der Text ist draussen, nachdem er in meinem Innern jahrelang gährte, faulte, den Platz einnahm. Jetzt ist er draussen. Weg. Und jetzt?
- Jetzt bin ich befreit. Befreit von den Gärblasen, den Bildern, dem Druck. Nicht die Erinnerung daran ist weg, es ist meine Aufmerksamkeit, die nichts mehr sieht. Ich will das alles nicht mehr sehen. Somit ist da ‘nichts’. Ist Leere.
- Genau so nichts, wie damals, als Adam und Eva neu anfingen. Nicht leeres Land fanden sie damals, nein, es war nur sonst keiner als gleichwertiger Prototyp vorhanden. Also niemand, nichts. Was da war, zählte nicht, war im neuen Menschenplan nicht vorgesehen. Also war da ‘nichts’. Nur Leere.
- So ist es jetzt leer in mir. Leer von Perspektiven, die uns Menschen als Kompass die Richtung befehlen und die ich nicht mehr sehe. Leer von Zwängen, welchen wir regelmässig Tribut leisten und die ich nicht mehr anerkenne. Und jetzt?
- Mir geht es gut mit dieser Leere. Der Fauteuil, in welchen ich mich kuschle, fragt nicht nach Fülle. Das Brot, das ich kaue, fragt nicht nach meinen Perspektiven. Nur meine Mitmenschen wollen beruhigt sein. Wenn die wüssten, wie heilsam Leere sein kann. Wenn die erahnten, was leicht sein uns schenkt. Leer sein ist wie fasten, fasten im Geist. Fasten macht leicht, leer sein auch. Das fühlt sich gut an.
- Und jetzt?
- Jetzt liegt die Welt offen vor mir. Offen vor meiner Leichtigkeit, offen vor meiner Leere. Da mag ich nichts hineinpropfen, nur weil meine Umwelt sich fast erwürgt. Ich mag mich nicht mehr in Actions verlieren, nur weil meine Mitmenschen sich allesamt zu Tode rennen. Aus Angst, etwas zu verpassen, nicht gut genug zu sein, oder zu wenig nützlich. Ich pflege lieber das Nichts-Tun. Ein Luxus. Mein Luxus.
- Im Nichts-Tun ist stille. Stille, die sich nicht mehr beweisen muss. Stille, die einfach ist. Auch Leere ist. Auch ich als leerer Mensch, ich bin. Das genügt. Mehr braucht es nicht. Was ich mit Lust noch pflegen mag ist, mit anderen Menschen zusammen die Welt erleben, das Leben geniessen, zu plaudern, quasseln, tratschen, philosophieren, die Welt neu erfinden. Und schreiben. Neue Freude am Schreiben pflegen.
- Es war schön mit Euch in xxx, ich habe Euer Da-Sein genossen. Eure liebenswerte Präsenz, Euer engagiertes Diskutieren, Euer verstehendes Zuhören, Eure warmen Blicke waren herrlich. Ich freue mich auf ein weiteres Mal. Mit Euch.
29.04.1998
- Wo bin ich stecken geblieben?
- Ach ja, in der Leere. Gestern bestand sie nur aus dem Nichtmehrdasein jener Schwere, aus dem Verschwundensein quälender Bilder, aus dem langsamen sich Auflösen von Horrorgeschichten. Die Leere war aufgefüllt mit Nichts. Mit warmem Nichts. Und warmes Nichts bedeutet doch immer auch ein Versprechen. Denn diese Art Loch ist immer auch Zusage zur Fülle. Eine solche Absenz trägt dich.
- Diese Leere ist gesundes, warmes, dunkles Nichts, nur darauf wartend, sich wieder mit Leben zu füllen. Es ist Stille, offen für Chaos, Nichtexistenz, bereit für jede Zugabe, es ist Kleinsein das weiss, wie Bejahung sich ergattert. Dieses warme Nichts ist Demut, die den Trick schon kennt, welcher Weg es zur Berühmtheit führt. Es, das edle Nichts, ist sich seiner schon sicher.
- Heute ist meine Leere verwandelt. Fies, gemein, hinterhältig ist da noch eine andere Version, aufgefüllt mit Angst. Und weil abgewehrt, verkriechen sich darin Scham, Unsicherheit, Wut. Diese Ballung überdeckt jetzt die edle Leere, diese gut sich anfühlende Absenz von Horror. Diese Leere ist nicht mehr stille. Dieses schrille, kalte Nichts macht zu viel Lärm, stört mir die kuschelige Fauteuil-Ruhe. Sie schmerzt, klebt an, verleitet zu Selbstmitleid. Sie gibt nicht auf und will anerkannt sein.
- Ist es ein schwarzes Loch, das alle meine Energien abzieht? Ist es ein kaltes Nichts, das alles aufsaugt und nichts mehr zurückschickt? Wer oder was ist dieses Loch? Etwa ich? Bin ich selber dieses Loch? Aber wie kann ich denn in mir selber verschwinden? Ich bin doch da? Ich weiss es.
- Zum Glück stört das nicht meinen Fauteuil. Der stützt mich gleichwohl rundum. Unbeirrt. So genügt es, an den warmen Fauteuil zu denken, statt an das Loch, und der Schmerz ist weg. Das ganze Nichts ist weg. Hast du das auch schon bemerkt? Kennst du die Macht der vollen Aufmerksamkeit? Sie versetzt Berge. Oder stopft Löcher. Und löscht Nichts aus.
- Und dann bin ich wieder ganz da, warmblütig und pulsierend, ruhig und beobachtend. Einfach da. Da im Fauteuil, und die Welt um mich herum hat sich um eine Spur verändert. Durch mich. Durch mein etwas verändertes Da-Sein, meine sich wandelnde Wahrnehmung von dem, was ist.
- Und dann ist Stille wieder nicht urteilendes Wahrnehmen des Lebens. Von dem, was ausserhalb von mir ist und von dem, was im Innern sich abspielt. Was ich erträume, erahne, erhoffe, erschaffe. Und innen und aus sen vermischen sich zu einem Ganzen. Vermischen sich zum einen Leben.
- Zum Leben, das ist, und von dem ich ein Teil bin. Ein Teil im Ganzen.
30.04.1998:
- Es muss einen Fremden doch wundern, wie ich aus Schmerz und Angst in Helle und Gelassenheit wechsle. Quasi hineinfalle. Und das noch sofort. So – fort. Bewusst, gewollt, provoziert. Das sei nicht möglich, das sei nur Selbsttäuschung, meinen bösartige Besserwisser. Ach, die wollen nur nicht. Die wollen ihre Unfähigkeit rechtfertigen. Doch doch.
- Oh doch, sich blitzschnell umprogrammieren, das geht. Mit Mind-Technik. Sehr gut sogar, mit guter, solider Spitzen-Mind-Tech. Also mit eingeübtem Verhalten, vorprogrammierten Geistesabläufen, mit schon lange entschiedenem Daseinswillen.
- Mind-Tech, ein grässliches Wort. Technik ist was Totes, und wir sollen doch Leben sein. Leben ist kompliziert, so kann ich es gar nicht meistern. Das ist die Botschaft, genau das sollen wir glauben. Und alle sagen brav, ja Pappi, das Leben ist schwer, wir meistern es nicht. Wir sind klein, bescheiden. Die erleuchtete Demut des Miserablen. Aber schon Nietzsche meldete Spott. Auch ich. Auch ich protestiere. Protestiere ganz heftig. Ich protestiere dagegen, wir seien nur ein willenloser, unfähiger Haufen Triebe, die nur mit viel Disziplin in Schach zu halten seien. Genau solches Geschwätz macht uns zu Sklaven.
- Wir lernen Unfähigkeit, wo das Leben doch magisch ist. Wir Menschen lernen Selbstentfremdung, wo Natur und Geister als Ganzheit schwingen. Da sei halt unser Kortex, Schuld habe die graue Hirnrinde. Falsch, es ist die Software, die spinnt, Die Hardware stimmt. Wir laufen falsch, das Rädchen sitzt richtig. Wir werden zu Sklaven erzogen, obwohl wir Götter sind. Wir klappern mit den Tassen im Schrank, anstatt aus ihnen die Schöpfung zu trinken. Ist es unsere Schuld? Haben wir das so gewollt? Warum tun wir so?
- Jein. Wir sind nur blöd, wir folgen brav den falschen Propheten, wir glauben den unfähigen Lehrern und bejubeln den selbst miserablen Tyrannen. Wir haben gelernt, auf dem Bauch zu kriechen, der aufrechte Gang ist nur bei dafür vorgesehenen Rollen erlaubt. Wir ernten Anerkennung bei Unfähigkeit, die sich als Demut tarnt. Schau doch einer Frau zu, wie sie alleine das Leben meistert. Sobald ein saftiger Macho aufkreuzt, kann sie nicht mehr bis drei zählen. Dann darf er sie beschützen und sie hat ihn am kleinen Finger. Die unteren Ränge in Hierarchien haben schon lange gelernt, Tyrannen schachmatt zu setzen. Mit Unterwerfung. Und fast alle sind zufrieden.
- Also Mind-Technik ist integriertes Handeln, im Unterbewusstsein verankerte Abläufe, welche selbständig agieren, wenn du dir vorher den Ablauf programmiert hast. Das war schon immer so, ist es auch jetzt, wo du in Misserfolg dich suhlst. Du erlebst dies nicht als bewusst gesetztes Programm, sondern nur als Naturgesetz. Was es auch ist. Aber du hast den Programmierer vergessen. Du weisst nicht mehr, dass dieser dein Ablauf einmal geschaffen wurde. Mind-Technik macht nur den Programmierer bewusst, die Tastatur, den Bildschirm. Der Rest läuft von selber, wie beim Computer. Wie auch jetzt schon, wie immer. Auch wir haben eine Basis-Software, die es nur zu benützen gilt. Also, benutze dich richtig als Kiste. Wenn nötig, nimm einen Kurs. Und dann programmiere dich glücklich.
- Du hast dein ganzes Leben noch vor dir, jeder Tag dieses zukünftigen Lebens ist ein Unikat. Auch wenn du ihn nur im Fauteuil verbringst, auch wenn du nur vor dich hinblödelst. Dann wenigstens geniesse es. Dann sei glücklich dabei. Das Leben ist zu teuer, um es unglücklich zu vergeuden.
- Stop, was soll das, ich will doch gar nicht glücklich sein! Das fehlte noch, der Zwang zur Zufriedenheit. Die Tyrannei des Positiven. Nein, mir gefällt ein zünftiger Streit, ich geniesse Rebellion und Neinsagen. Schöpfung muss wackeln, Neues muss sich wehren gegen Altes, das sei Naturgesetz, sagen die Darwinisten. Die Philosophen schweigen. Nein, ich habe meinen Platz noch nicht an der Sonne. Welche Sonne? Defintiv nicht an der Sonne, die ich mir ersehne. Denn solange Lust gegen Zufriedenheit ausgespielt wird, stimmt etwas nicht mit uns, nicht mit unserer Schöpfung, nicht mit dem Verlangen nach harmonischem Ganzen.
- Da ist es, das Zauberwort: ich wünsche mir doch bloss ein harmonisches Universum. Wie ein Kind beim Weihnachtsmann. Es soll ihn geben, wird behauptet. Das Universum selber sei der Weihnachtsmann. Somit wünsche ich mir das allerbeste von der Instanz, die dann auchselber davon am meisten profitiert. Provitiert von meinem glücklich sein. Ein guter Deal, er sollte klappen. Und ich? Was ist mit mir darin? Was ist mit unserer Menschheit in diesem harmonischen Ganzen?
- Ich habe einen Massage-Kunden, der will beides, Entspannung und Kraft, Loslassen und Lust. Immer, wenn er bei mir auf dem Schragen liegt, entspannt er bewusst, kann die Massage geniessen durch loslassen. Irgendwann packt es ihn aber, meine Hände doch bewusster zu geniessen und hoppla, seine ganzen Muskeln werden härter. In seinem Programm ist Lust nur mit Sex vereinbar, so kann er nicht wohlig loslassen und alles gleichzeitig geniessen. Er bräuchte ein Sub-Programm, das beides verbindet. Ich riet ihm, an einen Bergwald zu denken und zu vergessen, dass er hier sei. Das klappte fünf Minuten, dann war er geschafft. Er hatte seine Lust nicht ent-schieden. Er kämpfte dagegen, er konnte sie kaum umleiten, sich und seine Lust integrieren in ein grösseres Ganzes. Er selber wusste nicht, wie lockeres Dasein zusammenpasse mit sich gleichzeitigem Wohlig-Fühlen.
- Der Riss zwischen beiden war wohl mit System gelegt worden. Durch widersprüchliche Erziehung, unterdrückten aber überrissenen Wünschen, ohnmächtigem Ertragen der beruflichen und mitmenschlichen Realität. Er ist ein lieber, scheuer Kerl mit Krafttraining-Muskeln, einem unterwürfigen Lächeln und stahlhartem Händedruck. So boxt er sich, unnötig kämpfend, durchs Leben. Und macht sich selber fertig. Und vielleicht auch mal andere. Ist das denn jetzt sauberer, menschlicher, karmagerechter, also saftige, ehrliche Super-Mind-Technik?
- (Fortsetzung 1. Mai 1998).